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Es gibt im Iran mehr zu beachten, als ein Kopftuch zu tragen. Etwas, was auf den zweiten Blick auch sehr offensichtlich ist, aber dennoch wenig bekannt. Die teilweise vernichtenden Blicke der stark verhüllten Frauen und die etwas zu freundlichen Augenkontakte der Herren lösten sich erst damit auf, als uns eine Dame ansprach und uns über Ihren Mann am Telefon erklären ließ, dass man als Frau auch den Po verhüllen muss, zweilagig. Wir haben uns schon über uns selbst geärgert, dass sowas Einfaches durch unsere Planung gerutscht war, denn in Ernsts Kleiderschrank war für diesen Zweck rein gar nichts zu finden. Aber wir hatten ja genügend US-Dollar dabei, die wurden ja in allen Reiseführern und Webseiten empfohlen. Das Iranische Finanzsystem ist eigenständig und man kann weder bei Banken, noch Geldautomaten an Geld kommen. Vom Einsatz der Visakarte brauchen wir gar nicht erst anfangen. Nun ja, und hier kam jetzt die Überraschung…

Am Tag unserer Einreise hat die Regierung das Wechseln von US-Dollar in allen Banken, Wechselstuben, etc. untersagt, um sich vor der Inflation zu schützen. So dumm wie in dem Moment, in dem uns der freundliche Banker darüber aufklärte, haben wir die ganze Reise noch nicht aus der Wäsche geguckt. Was nun? Umkehren nach Baku? Das könnte mit dem Rest der an der Grenze getauschten 100$ grade noch klappen. Immerhin ist der Sprit ja fast gratis… aber es sollte ja schon noch weiter gehen. Der Umweg über die Fähre nach Kasachstan war uns auch keine beliebte Option, und der Iran ist ja auch eines der Highlights unserer Reise. Dann nur fünf Tage im Land gewesen zu sein, wäre auch nix Halbes und nix Ganzes. Nach viel Gejammer wurden uns doch noch 100$ in der Bank gewechselt, mit denen wollten wir es bis nach Teheran schaffen und dort an der Botschaft um Hilfe ersuchen. Doch soweit kamen wir nicht.

Nicht weil mal wieder was kaputt ging, sondern weil uns jetzt die volle Wucht der iranischen Hilfsbereitschaft traf. An einer Tankstelle sprach uns ein junges Pärchen an, völlig begeistert von Ernst und unserer Reise. Sofort wurde alles in die Wege geleitet für uns Geld zu tauschen. Keine 30 Minuten später traten wir mit einer Plastiktüte voll Bargeld aus einer Bank. Ja, die Inflation schreitet wirklich schnell voran.

Doch ich sprach ja von Gastfreundschaft…Wie selbstverständlich wurde wir eingeladen uns den beiden und deren Gruppe von Couchsurfern ĂĽber’s Wochenende zum Campen anzuschlieĂźen. Es ging hoch in die grĂĽnen Berge, weit ab von größeren Ortschaften, nebst einer winzigen Ortschaft. Hier standen schon mindestens 20 Zelte, voll besetzt mit freundlichen Gesichtern die alle begierig darauf waren zu erfahren, wer sich da von weit her in Ihre Mitte drängt. Was uns direkt als erstes in Auge stach… keine KopftĂĽcher. Mitten im Wald, weg von neugierigen Blicken des Staates, waren die Menschen so wie sie sein wollten.

Viele Gespräche drehten sich darum wie es früher einmal war, als von 40 Jahren die Frauen noch in Miniröcken durch die Straßen gingen. Wo der Glaube nicht geherrscht hat. Ein richtiges Kribbeln lag in der Luft, man konnte fühlen, dass jeder hier sich eine Veränderung wünscht, aber auch, dass die Dinge, die man sich im Rest der Welt über den Iran erzählt einfach nichts mit dem Volk zu tun haben. Die halbe Nacht hindurch hatten wir viele tolle Gespräche und konnten das erste Mal etwas hinter die Kulissen blicken. Dort steht ein sehr stolzes, gebildetes, fleißiges und cleveres Volk, das nur auf seine Chance wartet der Welt zu beweisen, wer sie wirklich sind.

Diese traumhaften Berge verlieĂźen wir nur sehr ungern, aber unsere neuen Freunde wollten uns einfach mehr von Ihrem Land zeigen, daher ging es nach dem Campingaufenthalt wieder ab an die KĂĽste des kaspischen Meeres. Hier schieden sich dann allerdings die Geister was man als schön empfinden darf, denn ein schöner Strand bedeutete fĂĽr uns nicht unbedingt, dass man direkt an der Wasserlinie mit lauter Musik die Halbstarken in ihren Autos auf- und abfahren sieht. Auch nicht unbedingt, dass Motorglider mit waghalsigen Manövern ĂĽber unsere Köpfe flogen… Aber wie gesagt, Geschmäcker sind verschieden. Das Prozedere um Schwimmen zu gehen war uns auch etwas zu umständlich, denn in Badekleidung vom Strand ins Meer kann man als Frau in aller Ă–ffentlichkeit natĂĽrlich nicht gehen. Stattdessen kann man sich aber ein Boot mieten, das einen ein paar hundert Meter aufs Meer hinaus fährt, von wo man unbeobachtet baden gehen kann. Gut, dass das Wasser eh zu kalt war…

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